Muscle Memory Effekt – Muskeln mit Erinnerung?2019-04-23T14:34:08+00:00

Muscle Memory Effekt – Muskeln mit Erinnerung?

 

Muscle Memory Effekt… oder: „Warum baut der schmale Neuling im Studio so schnell Muskeln auf“?

Muskelaufbau dauert lang…nicht immer!

 

Vielleicht kennst du es von dir selbst. Als du das erste Mal ins Fitnessstudio gegangen bist, kam dir alles so unheimlich schwer vor. Die 30 kg-Langhantelbankdrücken fühlten sich an, als würdest du einen 200 wegdrücken müssen. Die 5kg-Kurzhantelcurls glichen einer Weltrekord-Leistung. Aber das änderte sich schnell. Die Gewichte wurden immer leichter und du konntest mehr und mehr Scheiben auf die Hanteln schieben. Du lerntest mehr über die Wichtigkeit von muskelaufbauender Ernährung, gutem Schlaf und von den richtigen Supplements und du bekamst dadurch nochmals einen Schub.

 

Du konntest dir quasi im Wochentakt beim Stärker-werden zusehen und die Muskeln wuchsen ebenso schnell. Bis…ja bis der Anfängerbonus nach ungefähr 12 Monaten vorbei war. (Ausnahmen bestätigen die Regel; Bodybuilder mit einer Elite-Genetik legen länger und mehr zu als der Durchschnitts-Trainierende)

 

In dieser Anfangsphase der ersten 12 Monate legen viele Trainierende bis zu 10 kg Muskeln zu. Aber ab dann geht der Muskelaufbau meist schleppender voran. Der Muskelaufbau halbiert sich quasi jedes Jahr. Hast du im ersten Jahr 10 kg Muskeln zugelegt, sind es im zweiten Jahr 5 kg, im dritten Jahr 2,5kg und so weiter. Ein Gutes hat die Sache aber; denn was einmal aufgebaut wurde, kann man leichter halten. Und außerdem kommt die hart erarbeitete Muskelmasse, selbst nach einer längeren Trainingspause, wieder schnell zurück und zwar meist noch schneller als der Muskelaufbau in deiner Anfangstrainingsphase.

 

Daher kann es schonmal passieren, dass ein Hänfling ins Studio kommt und nach kurzer Zeit extrem muskulös wird. Das liegt aber nicht an irgendwelchen Substanzen, sondern eventuell daran, dass er schon einmal muskulös war und sein Körper durch den sogenannten „Muscle Memory Effekt“ (dt. Muskelgedächtnis-Effekt“) wieder schnell zu seiner alten Leistung zurückkehrt.


Warum baut ein Anfänger so schnell Muskeln auf?

Das rasante Muskelwachstum am Anfang der Trainingskarriere liegt in erster Linie an der Tatsache, dass der Körper bzw. die Muskeln bis dahin noch nie direkt und gezielt zum Wachstum angeregt wurden. Der Körper ist ja nur den Zustand 0 gewohnt und alles, wirklich jegliche Anregung zum Muskelwachstum, in Form von Krafttraining, ist mehr Anreiz als der untrainierte Zustand 0. Wenn dann noch die richtige Ernährung und ein durchdachtes Training plus Supplements dazu kommen, läuft das Ganze noch besser ab und grandiose Gains sind in der Anfangszeit des Trainings zu verzeichnen.

 

Aber was passiert, wenn ein trainierter Athlet mal eine längere Trainingspause macht – wie schnell erlangt er seine einmal erarbeiteten Muskeln zurück und wie lange dauert es bis er wieder seine alte Form erreicht? Darauf gehe ich im Folgenden ein.


Wie lange dauert es wieder in seine alte (gute) Form zu kommen?

Muskeln gehen bei einer Pause schon relativ schnell verloren. Bereits nach 10 Tagen findet ein Muskelabbau statt. Was noch hinzukommt, ist der Abbau von Muskelglykogen aus den Muskeln, was die Muskeln flacher und weniger prall aussehen lässt. Da 1 Gramm Muskelglykogen ungefähr 4 Gramm Wasser bindet, verliert der Athlet in dieser Phase zusätzlich recht schnell an Gewicht. Aber dieses Gewicht kommt auch recht schnell wieder drauf, wenn der Athlet erneut hart trainiert und sich gut ernährt. Normalerweise wird der alte Stand durch den Muscle Memory Effekt innerhalb von 3-6 Monaten wieder erreicht.

 

Wodurch kommt der Muscle Memory Effekt zustande?

 

Bis zum heutigen Tage wurde angenommen, dass der Muscle Memory Effekt ausschließlich an dem koordinativen Erlernen der Übungen liegt. Das bedeutet, dass Muskeln sich an die, in der Vergangenheit erlernten, Übungen „erinnern“.[1]

 

Durch diese Erinnerung kann man die Übung nach einer Pause wieder schnell sauber ausführen und das alte Gewicht bewältigen. Ebenso kann der Trainierende den Muskeln wieder schneller „ansteuern“ (Mind-Muscle-Connection) und gezielt trainieren. Darauf gehe ich in Punkt 1) ein. Jedoch zeigen neue Studien, dass dies nicht der einzige Faktor für den Muscle Memory Effekt ist. Die Muskelzellkerne spielen hier auch eine Rolle.[2] Dies wird in Punkt 2) behandelt.

 

1) Hantelstemmen verlernt man nicht, oder wie war das nochmal?

Zu Beginn des Trainings muss der Körper bzw. die Muskeln erst einmal lernen eine Bewegung zu bewerkstelligen. Gerade die Koordination bei Übungen mit der Langhantel oder mit Kurzhanteln lässt anfangs stark zu wünschen übrig. Mit der Zeit geht dies allerdings auch immer besser und der Trainierende kann die Bewegung sauberer ausführen und beginnt auch die Muskeln bei einer Übung besser zu spüren und anzusteuern.

 

Und das ist ein nicht zu unterschätzender Faktor beim Muskelaufbautraining. Denn falls ein Muskel während einer Übung nicht gespürt werden kann, dann ist er in der Regel auch schwächer entwickelt. Hat der Athlet die Koordination jedoch einmal erlernt, so fällt es ihm nach einer längeren Trainingspause viel leichter die Übungen wieder richtig auszuführen und dabei die Muskeln zu spüren. Und das hilft ihm beim schnellen Aufbau der Muskulatur nach einer Trainingspause.

 

2) Neueste wissenschaftliche Erkenntnis: Einmal „antrainierte“ Muskel-Zellkerne verschwinden nicht

Nun wird es etwas biochemisch. Normalerweise hat jede Zelle im menschlichen Körper nur einen Zellkern; anders bei Muskelzellen. Muskelzellen haben viel mehr als nur einen Zellkern, bis zu 40.000 Zellkerne je Zentimeter Muskel. Die hohe Anzahl der Zellkerne ist wegen der Größe und der hohen Komplexität der Muskelzellen notwendig. Denn Zellkerne steuern die jeweilige Zelle und wegen der eben erwähnten Größe und Komplexität der Muskelzellen, sind eben mehr Zellkerne notwendig, um diese Aufgabe zu erfüllen.

 

 

Wenn die Muskeln wachsen, dann wächst auch die Anzahl der Zellkerne. Das Besondere ist, dass die Anzahl der Muskelzellkerne erhalten bleibt, auch wenn die Muskeln kleiner werden. Das haben Tierstudien erwiesen, in denen die Tiere 28 Tage lang keine körperliche Aktivität hatten. Bei der Untersuchung der Muskeln wurde festgestellt, dass die Muskelmasse zwar um 50 % sank, die Anzahl der Muskelzellkerne aber erhalten blieb.[3] Man kann sagen, dass mit einem Mehr an Muskelzellkernen auch der Muskel Memory Effekt steigt und wieder schneller an die alte Bestleistung angeknüpft werden kann.[4]

Muscle Memory Effekt bei Steroidverwendern

Steroidverwender haben bezüglich des Muscle Memory Effekts einen noch größeren Vorteil als untrainierte Athleten, denn durch die Zufuhr von anabolen Steroiden in Kombination mit Krafttraining, steigt die Anzahl der Muskelzellkerne bei Steroidverwendern noch stärker. So konnte eine Tierstudie zeigen, dass es nach einer 14-tägigen Verabreichung von Testosteron Propionat (ohne Training) zu einer 66 %-ige Erhöhung der Anzahl der Muskellzellkerne (und einer 77%-igen Erhöhung der Muskel-Querschnittsfläche) kam.

 

Die Steroidzufuhr wurde nach diesen 14 Tagen Steroidverabreichung für 3 Monate unterbrochen und dann wurden die Muskeln erneut untersucht. Das Ergebnis war Folgendes: Die Anzahl der Muskelzellkerne blieb erhalten. In einer anderen Gruppe, welche keine Steroide bekamen und 2 Wochen trainierten, erhöhte sich die Anzahl der Muskelzellkerne um 51 % und wenn Testosteron Propionat zugeführt und 2 Wochen trainiert wurde, erhöhte sich die Anzahl der Muskelzellkerne sogar um 92 %.

 

Als die beiden trainierenden Gruppen nach 3 Monaten das Training wieder aufnahmen, so wuchsen die Muskeln in der Gruppe, die 2 Wochen Testosteron bekamen, innerhalb von 6 Tagen um 30 % (!!). Die Gruppe, die kein Testosteron bekam, legte innerhalb von 6 Tagen Training nicht signifikant an Muskeln zu.[5]

 

Und auch eine Studie an Menschen bestätigt die Erhöhung der Muskelzellkerne durch Steroide. Hier wurden Kraftsportler untersucht, welche über Jahre Steroide konsumierten. Diese wurden verglichen mit Kraftsportlern, die nie anabole Steroide verwendeten. Das Ergebnis war, dass die Steroidverwender eine signifikant höhere Anzahl an Muskelzellkernen hatten und laut den Wissenschaftlern zufolge hält diese einmal erlangte starke Erhöhung der Muskelzellkerne, durch anabole Steroide, wohl über Jahre an.[6]

 

Nimmt man nun diese beiden Studien zusammen, so ergibt sich daraus der Schluss, dass durch die Zufuhr von anabolen Steroiden die Anzahl der Muskelzellkerne für lange Zeit erhöht ist und da dies der Faktor für den Muscle Memory Effekt ist, bauen Steroidverwender ihre einmal antrainierten Muskeln nach deiner langen Pause wieder viel schneller auf als ihre naturalen Kollegen.

 

★ Fazit Muscle Memory Effekt ★

Das Muskelgedächtnis ist eine super Sache, wenn es darum geht, den Körper schnell wieder in Form zu bringen, falls der Athlet mal eine längere Pause einlegt oder einlegen muss, wie beispielsweise bei Krankheit oder wenn andere wichtige Dinge anstehen. Durch den Muscle Memory Effekt kann der Athlet schnell seine Gewichte im Training wieder steigern und eine gute Ernährung verhilft ihm zusätzlich wieder schnell zur alten körperlichen Bestleistung. Steroidverwender profitieren lange Zeit von ihrer Steroideinnahme und der Muscle Memory Effekt ist bei diesen Athleten noch stärker.

 

Allerdings zeigen Studien, dass auch natural Trainierende durch ein Training ohne Steroide ihren Muskel Memory Effekt ebenfalls immens steigern. Es gilt für beide Gruppen das Motto: Einmal aufgebaute Muskeln kommen nach einer Pause schnell wieder zurück. Und da du auch als naturaler Athlet gute Erfolge feiern kannst und ebenso einen guten Memory Effekt hast, rate ich dir definitiv von der Verwendung von anabolen-androgenen Steroiden ab.

 

Quellen:
[1]   https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pmc/articles/PMC3892473/
[2]   https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pmc/articles/PMC2930527/
[3]   https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pmc/articles/PMC2262032/
https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pmc/articles/PMC2930527/
[4] https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pmc/articles/PMC3892473/#b25
[5]   https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pmc/articles/PMC3892473/#b25
[6]   https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/16059740

Warum man keine Anabolika verwenden sollte